Jakob von Uexküll-Archiv für Umweltforschung und Biosemiotik an der Universität Hamburg

Eröffnung / Opening / Symposium 09.-10. January 2004

In Cooperation with: Jakob von Uexküll Centre, Tartu (Estonia) (information and links to Uexküll and Biosemiotics)


Jakob von Uexküll und sein Institut für Umweltforschung - Bedeutungsorientierte Lebenswissenschaft an der Universität Hamburg (PPT)
Jakob von Uexküll and his "Institut für Umweltforschung in Hamburg" (PPT - Presentation in English)
Jakob von Uexküll -- Theoretical Biology, Biocybernetics and Biosemiotics (Journal article)


Jakob von Uexkülls Umweltforschung -
Interdisziplinäre, beziehungs- und bedeutungsorientierte Lebenswissenschaft
an der Universität Hamburg

„Die Biologie wendet sich ausschließlich an den einzelnen und zeigt ihm,
in welchem Zusammenhange er mit dem Universum steht.
Sie macht ihn darauf aufmerksam,
daß er die persönliche Verantwortung für den Aufbau seiner Welt trägt.“ (Jakob von Uexküll 1923)

Uexkülls umstrittene subjektbezogene Biologie

Der Baltendeutsche Jakob von Uexküll (1864 – 1944) entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Umweltforschung als Gegenentwurf zu den modernen Tendenzen in der Biologie. Seine ungewöhnliche Gabe zur Naturbeobachtung ließ ihn erkennen, dass Lebewesen (Menschen eingeschlossen) nicht als beziehungslose Reflexmaschinen zu verstehen sind. Die wundervollen Wechselbeziehungen und Anpassungsleistungen in der Natur könnten erst sinnvoll gedeutet werden, wenn man Organismen als aktive Subjekte begreift, die nur eine ihren Sinnesleistungen, Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechende Umwelt wahrnehmen und gestalten. Ausgehend von neuro- und verhaltenphysiologischen Experimenten solle die Biologie die Kommunikationsprozesse in und zwischen diesen von jedem Lebewesen konstruierten „Umwelten“ und deren „Planmäßigkeiten“ erforschen. Uexküll stellte sich mit diesen Ideen dem vom Darwinismus dominierten Zeitgeist entgegen, der Leben ausschließlich kausalmechanisch und als Selektionsprodukt erklärt sehen wollte. Umweltforschung machte die Subjektivität jeder Wahrnehmung zum Ausgangspunkt und Inhalt der Biologie. Uexküll relativierte damit auch Ansprüche wissenschaftlicher Objektivität und gab Anlaß zu heftiger Kritik. Seine Umweltforschung wurde jedoch mit streng empirischen Methoden betrieben, was viele seiner Kritiker übersahen.
Medium zwischen Natur und Kultur
Uexkülls Konzepte wurden von zeitgenössischen Psychologen und Künstlern eher angenommen als von Biologen, die wie z.B. der Genetiker Richard Goldschmidt in Uexküll einen „exzentrischen Mystiker“  sahen. Uexkülls Vorschläge zur Leitung und Gestaltung des neuen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie blieben unberücksichtigt, einflußreiche Unterstützer erreichten jedoch eine Förderung seines „Programms zur Errichtung eines fliegenden Aquariums für biologische Zwecke“ durch die KWG.
Uexkülls Werke Umwelt und Innenwelt der Tiere (1909), Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung (1913), Theoretische Biologie (1920/28), Bedeutungslehre (1940) sowie seine populärwissenschaftlichen Bücher Biologische Briefe an eine Dame (1920) und Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen (1934) fanden zunächst nur bei einer kleinen Gruppe von Biologen Akzeptanz. Uexküll wirkte erfolgreicher als Mittler zwischen Natur- und Kulturwissenschaften. Er beeinflusste nicht nur seine Hamburger Kollegen Ernst Cassirer, William Stern, Heinz Werner und Adolf Meyer-Abich. Auch Viktor von Weizsäcker, Ludwig von Bertalanffy, Gottfried Benn, Helmuth Plessner, Rainer Maria Rilke, Aldous Huxley, Martin Heidegger, Mies van der Rohe, Fritz Schumacher, Ortega y Gasset u.a. ließen sich von Uexküll anregen. Die Umweltlehre wurde von Ethologen (Konrad Lorenz, Niko Tinbergen) aufgegriffen und in ihrem Sinne weiterentwickelt.  Uexkülls Sohn Thure förderte in der Nachkriegszeit die Publikation der Ideen seines Vaters und setzte sie in seiner psychosomatischen Medizin um.
Wiederentdeckung in der Postmoderne
Trotz des Erfolges der darwinistisch orientierten Biologie wurde Uexküll in den vergangenen Jahren nicht nur von postmodernen Philosophen wiederentdeckt, sondern auch von Molekularbiologen, Biokybernetikern und anderen Naturwissenschaftlern. 2001 erschien z.B. ein Sonderband der internationalen Zeitschrift Semiotica unter dem Titel:  „Jakob von Uexküll: a paradigm for biology and semiotics“. Der Band beinhaltet, neben Übersetzungen zweier Aufsätze Uexkülls, Beiträge von 42 Autoren, von denen nur 7 deutsche Namen tragen. So multinational wie die Autoren, so vielfältig sind auch die Disziplinen (Anthropologie, Medizin, Psychologie, Ethologie, Ökologie, Philosophie, Erkenntnistheorie, Kybernetik, Linguistik, Architektur), denen sie angehören und in denen sie Uexkülls Erbe entwickelt sehen wollen. Gemeinsame Grundlage der Wiederentdeckung Uexkülls ist die zeichentheoretische Deutung seiner Konzepte und Begriffe. Biosemiotiker sehen ihn als Beispiel dafür, dass ein Grundlagenforscher, ohne die semiotischen Theorien von C.S. Pierce und F. de Saussure zu kennen, zeichentheoretische Ansätze für die Biologie entwickeln konnte. Der „Funktionskreis”, den Uexküll Anfang des Jahrhunderts entwarf, symbolisiert für Biosemiotiker ein neues Paradigma für die Lebenswissenschaften des Zeitalters der Globalisierung. Zur Weiterentwicklung der Uexküllschen Ideen streben sie aber eine Synthese mit den Erkenntnissen der modernen Evolutionsforschung an.  Bei der Wiederentdeckung Uexkülls spielten der ungar-amerikanische Semiotiker und Kommunikationsforscher Thomas Sebeok sowie engagierte Wissenschaftler der Universität Tartu eine bedeutende Rolle.  1994 wurde in Tartu das Jakob von Uexküll Centre gegründet.

Umweltforschung – 1925 in Hamburg institutionalisiert

1925 gelang es Uexküll, an der jungen Hamburger Universität ein Laboratorium für Umweltforschung, das 1927 in Institut für Umweltforschung umbenannt werden konnte, zu gründen. Zunächst diente ein Kiosk am Aquarium des alten Zoologischen Gartens als Arbeitsraum, dann wurde die ehemalige Direktorenvilla an der Tiergartenstraße 1 zum Institutsgebäude.
Dank der Überzeugungskraft und Integrationsfähigkeit der Persönlichkeit Uexkülls und seiner Forschungskonzeption wurde das Institut zu einem kreativen Zentrum, an dem Forscherpersönlichkeiten mit unterschiedlichsten Projekten eine institutionelle Heimstätte fanden. Viele Besucher des Institutes wurden, wie z.B. Konrad Lorenz, für ihre weitere Forschungstätigkeit „geprägt“. Unter Uexkülls Leitung entstanden bis 1936 trotz vieler Widrigkeiten ca. 100 Veröffentlichungen. In den dreißiger Jahren leitete Uexküll gemeinsam mit Adolf Meyer (1893-1971, später Meyer-Abich), Seminare über Naturphilosophie und Erkenntnistheorie.  1939 übernahm Uexkülls Assistent Friedrich Brock (1898-1958) die Leitung des Institutes. Während des Kriegsdienstes und der Gefangenschaft Brocks führte Emilie Kiep Altenlohe, später Senatorin der Hansestadt und Bundestagsabgeordnete, das Institut. Sie sicherte dessen Überleben durch Ausbildung „kriegswichtiger“ Blindenführhunde nach der von Uexküll und Emanuel Sarris entwickelten Methode, die auch heute noch angewendet wird. Schon 1938 musste das Institutsgebäude dem Projekt „Planten und Blomen“ und einem neuen Seewasseraquarium weichen. Es wurde in der Gurlittstraße 37 (St. Georg) angesiedelt, wo es bis 1959 bestand. 1959 wurde das Institut für Umweltforschung in das Zoologische Institut und Museum (ZIM) eingegliedert, der Lehrstuhl für Umweltforschung jedoch 1964 nicht mehr fortgeführt.
Aufbau eines Jakob von Uexküll-Archivs für Umweltforschung und Biosemiotik
in Kooperation mit dem Tartuer Jakob von Uexküll Centre
1983 übergab die Familie Uexküll einen Teil der privaten Bibliothek des Forschers an das Zoologische Institut und Museum (ZIM), mit der Vorgabe, dass zusammen mit dem Nachlass des Instituts für Umweltforschung ein Jakob von Uexküll-Archiv errichtet wird. Dieses wurde jedoch nicht verwirklicht. Deshalb regte Thure von Uexküll an, die vernachlässigten Nachlässe aus Hamburg in das 1994 in Tartu gegründete Jakob von Uexküll Centre zu überführen. Angehörige der Universität, u.a. Prof. Hünemörder, setzten sich jedoch für den Verbleib in Hamburg ein und stoppten den Abtransport. Mehrfach wurde erfolglos angemahnt, die Nachlässe in Hamburg zu katalogisieren und der Öffentlichkeit zugänglicher zu machen.
Anläßlich eines Aufenthaltes in Tartu konnte im letzten Jahr mit Wissenschaftlern der dortigen Universität und des Uexküll-Centres ein gemeinsames Projekt zur Katalogisierung und online-Veröffentlichung der Uexküll-Nachlässe entwickelt werden. Es wurde außerdem der Austausch von Materialien und die gegenseitige Unterstützung von Wissenschaftlern beschlossen. Inzwischen konnten für die entsprechende Computerausstattung des Centres Mittel von der  Marga und Kurt Möllgaard-Stiftung und dem Deutschen Kulturinstitut in Tartu eingeworben werden. Die Partnerschaft der Universitäten Hamburg und Tartu fördert den Wissenschaftleraustauch. Zur Festigung der internationalen Beziehungen wurde Torsten Rüting als Nachfolger von Thomas Sebeok in das International Committee des Uexküll-Centres gewählt.
Aufgrund unseres Interesses beschloß das ZIM, den Nachlass des Instituts für Umweltforschung und den Uexküll-Teilnachlass an den Schwerpunkt für Geschichte der Naturwissenschaften zu übergeben. Es wurde eine Vereinbarung unterzeichnet, die die Aufgabe  des Aufbaus des Jakob von Uexküll-Archivs in die Verantwortung unserer Institution überträgt. Dieses Projekt wird von Herrn Prof. Dr. Kirschner unterstützt, der seit dem Sommersemester 2003 die Biologiegeschichte in Hamburg vertritt. Der Schwerpunkt hat Hilfskraftgelder für den Umzug der Nachlässe bewilligt.
Die Nachlässe umfassen ca. 850 Monographien, 4600 Separata, Urkunden, Fotografien, Zeichnungen und andere Dokumente.  Die Überführung der Materialien
aus aus der Bibliothek des ZIM ist abgeschlossen,
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Aus den zusammengeführten Nachlässen, für die es ein steigendes internationales Interesse gibt,  soll ein repräsentatives Forschungsarchiv mit dem Namen Jakob von Uexküll Archiv für Umweltforschung und Biosemiotik entstehen. Der Katalog soll auch die Seperatensammlung Uexkülls erschließen und online recherchierbar machen. Zusätzlich sollen Materialien aus Institutionen, an denen Uexküll und seine Mitarbeiter tätig waren (z.B. Stazione Zoologica in Neapel, Biologische Anstalt Helgoland), zusammengetragen werden und die Nachlässe ergänzen. Im Archiv werden auch weitere Materialien zur Geschichte Uexkülls, des Instituts für Umweltforschung, der Umweltlehre und der Biosemiotik gesammelt.